|
Als Mönch ein Gastgeber sein
Im Jahre 1982 als Pfarreibildungsheim eröffnet, gilt das Bildungshaus Kloster Fischingen heute auch in Wirtschaftskreisen als Geheimtipp. Bruder Leo Gauch arbeitet im Leitungsteam des Bildungshauses mit und wirkt hinter den Klostermauern als Gästebetreuer.
Marie-Theres Brühwiler
Fischingen - «Ich möchte nicht als Hotelier bezeichnet werden.» Vielmehr fühle er sich in der Rolle des Gastgebers, betont Bruder Leo, der sich seit bald drei Jahren um das Wohl der Gäste im Bildungshaus Fischingen kümmert. Das Bildungshaus Kloster Fischingen verzeichnet jährlich rund 5000 Übernachtungen. Rund ein Viertel davon sind kirchliche Kurse, die von der Landeskirche Thurgau oder anderen kirchlichen Organisationen organisiert werden. Sehr oft wird das Kloster auch von Pilgern oder von Wanderern als Übernachtungsstätte genutzt. Grösstenteils aber dient das Bildungshaus als Kurs- und Seminarort oder Tagungsziel für Versicherungen, Banken, Schulen, Gemeindebehörden oder Industriebetriebe. Die Leitung des Bildungshauses wird von fünf Personen gemeinsam wahrgenommen. Bruder Leo richtet die Seminarräume ein, stellt die notwendige Infrastruktur bereit, empfängt die Gäste und sorgt dafür, dass sich die Seminarteilnehmer, die für einen oder mehrere Tage die Ruhe des Klosters suchen, wohl fühlen.
Ein Ort der Kraft
«Ist es recht gewesen?», macht Bruder Leo nach dem Mittagessen an jedem Tisch die Runde. Er schätze den Kontakt mit seinen Gästen und nehme deren Anliegen sehr gerne entgegen. Überdies würden sich so häufig ganz individuelle Gespräche ergeben. Hin und wieder kommt es auch vor, dass Bruder Leo um ein persönliches Gespräch gebeten wird. «Die Leute wollen manchmal einfach in aller Ruhe über ein Problem sprechen.» Das gehöre für ihn alles zur Rolle eines Gästebetreuers, so der in Frauenfeld aufgewachsene Benediktiner. Häufig würden ihm aber auch Fragen über die historischen Bauten oder den klösterlichen Alltag gestellt. Er finde es schön, wenn sich die Leute für das kulturelle und spirituelle Leben im Kloster interessieren. «Unsere Gäste nehmen unsere Umgebung als einen Ort der Ruhe, aber auch als Ort der Kraft wahr», weiss der Benediktiner. Die Leitung des Bildungshauses setzt bewusst darauf, das klösterliche Ambiente zu pflegen. Trotzdem finden die Gäste im Bildungshaus, was man von einem modernen Gastronomiebetrieb erwartet.
Rund 200 Führungen pro Jahr
«Was könnte das hier für ein Raum sein?», fragt Bruder Leo die 15-jährigen Schüler, die sich durch das Kloster führen lassen. Führungen gehören bei Bruder Leo fast zum Alltag. «So gegen 200 Führungen pro Jahr werden es schon sein», schätzt der gelernte technische Modellbauer. Durch das Kloster zu führen, sei eine reizvolle Aufgabe. Grundsätzlich gehe es ihm darum, jedem Gast ein positives Grundgefühl über Kloster und Kirche zu vermitteln.
Vom Schreiner zum Gastgeber
Arbeitete Bruder Leo zunächst während 16 Jahren in der Klosterschreinerei, sei er Ende 2001 von der Benediktinergemeinschaft gebeten worden, im Leitungsteam des Bildungshauses mitzuwirken. «Wenn ich auch sehr gerne in der Schreinerei arbeitete, so bin ich heute natürlich näher an den Menschen», freut sich der 39-Jährige. Diesen Kontakt mit Menschen diverser Herkunft schätzt er. Er höre immer wieder von Gästen, dass sie es als Bereicherung empfinden, im Bildungshaus einem Benediktinermönch zu begegnen.
Der Jüngste in der Benediktinergemeinschaft
Bruder Leo erinnert sich noch sehr genau an den Lichtmesstag 1987. «An diesem Tag habe ich im Kloster Fischingen mein Gelübde abgelegt.» Gut ein Jahr vorher habe er in Dübendorf seine Rekrutenschule beendigt und seine zwei Monate dauernde Kandidatur im Kloster begonnen. Da er bereits während seiner Lehre als technischer Modellbauer immer wieder seine Ferien im Kloster verbrachte, also schon einige Male «Kloster auf Zeit» hinter sich hatte, dauerte die Kandidatur wesentlich weniger lang als bei anderen Mitbrüdern. «Bereits in der Oberstufenschulzeit habe ich das Gebet und meine grosse Liebe zu Gott entdeckt.»
Es sei dann für ihn sehr nahe liegend gewesen, seine ersten klösterlichen Kontakte zum einzigen «richtigen» Kloster im Kanton Thurgau zu knüpfen. Seine Eltern hätten ihn bei seinem Vorhaben, ins Kloster zu gehen, weder gebremst noch gefördert, erklärt Bruder Leo. Hier ist er das jüngste Mitglied der Benediktinergemeinschaft. (mtb.)
|