|
Barockkirche: Aussergewöhnliche Einblicke
Die Aussenrenovationen der Barockkirche Fischingen konnten rund 300 000 Franken unter dem Kostenvoranschlag abgeschlossen werden. Dafür sorgen statische Probleme im Innenbereich für Mehrkosten von einer Million Franken.
Marie-Theres Brühwiler
Fischingen - «Irgendwie habe ich es immer ein bisschen geahnt», sagt Kirchen- und Baukommissionspräsident Josef Gemperle. Während der Gesangsproben des Kirchenchors habe er oft sorgenvoll die seiner Ansicht nach kontinuierlich grösser werdenden Risse an den Decken im oberen Chor zur Kenntnis genommen. «Obwohl der Statiker Messungen machte und das Ganze als tolerierbar bezeichnete, war mir einfach nie richtig wohl bei der Sache.» Als auch die Restauratoren neue Risse im Gewölbe feststellten, ersuchte die Denkmalpflege des Kantons Thurgau, Statiker Jürg Buchli um eine Zweitmeinung. Der auf historische Bauten spezialisierte Statiker schlug Alarm und bestätigte die Befürchtungen von Josef Gemperle. «Eurer Kirche geht es nicht gut», bekam die ehrenamtlich tätige Baukommission von Jürg Buchli zu hören.
Gewölbe: Massiv verändert
Das Gewölbe hatte sich im Verlaufe der letzten Jahrzehnte stellenweise um 20 bis 30 Zentimeter gesenkt. Massive Veränderungen sind vor allem an der Schnittstelle zwischen unterem und oberem Chor festgestellt worden. Der Grund für die statischen Probleme liege wohl darin, dass die Kirche im Jahre 1753 verlängert wurde, ohne dabei das Gewölbe fachgerecht anzupassen. Mit der Erweiterung des oberen Chors seien damals immerhin weitere 15 Tonnen Gewicht dazugekommen. «Gut gibt es Engel», meint Josef Gemperle, während er an der Decke des oberen Chors eine besonders heikle Stelle zeigt. «Der Engel mit seiner speziellen Fixierung hat den Absturz des Deckenputzes in diesem Bereich verhindert.»
Dachstock wird verstärkt
Der Baukomplex besteht aus Kirchenschiff, seitlich angeordneter St.-Idda-Kapelle und Kirchturm, in der Verlängerung nach Osten folgen unterer Chor, oberer Chor und Sakristei. Kirchenschiff, oberer und unterer Chor sind durch zwei Hauptbogen voneinander getrennt. Für den Statiker sind vor allem die fehlenden richtig ausgebildeten Wandsäulen im Innern und die nicht vorhandenen Strebenpfeiler an der Längsfassade auffallend. Die im Dachraum sichtbaren, schräg eingebauten Eisenstangen vermögen zusammen mit den Dachbindern eine gewisse Kompensation dieser fehlenden Stützelemente zu leisten. «Das genügt allerdings nicht», so Buchli. Die von Buchli vorgeschlagenen und unterdessen teilweise bereits ausgeführten Sanierungen an der Statik orientieren sich an der besonderen, seit der Erbauung bestehenden Situation, dass Dachstock und Gewölbe nicht wie üblich getrennt, sondern miteinander verbunden sind. Die bestehende Dachkonstruktion wird verstärkt.
100 Tonnen Gerüstmaterial
Die gefährdeten Teile des Gewölbes werden mittels etwa 300 einzelnen Aufhängungen an der Dachkonstruktion aufgehängt und fixiert. Der Druck des Gewölbes auf die Aussenwände wird so entscheidend reduziert. Die statischen Verbesserungen werden mit Kosten von einer Million Franken beziffert. Der Innenbereich der Pfarrkirche ist derzeit komplett eingerüstet. Gegen 100 Tonnen Gerüstmaterial hat die Firma Nüssli aus Hüttwilen nach Fischingen transportiert. Das Chorgitter sowie sämtliche historischen Bauteile werden belassen, neu wird es in der Barockkirche drei liturgische Bereiche geben. Die umfassenden im Jahre 2001 begonnenen Restaurierungen sollen insgesamt auf über 7 Millionen Franken zu stehen kommen.
Einweihung im Jahr 2006
Der im Jahre 2001 gegründete und gegen 1000 Mitglieder zählende Verein Barockkirche Fischingen hat bisher bereits Spenden von rund 1,3 Millionen Franken eingenommen. «Unser Vereinsbeitrag ist mit 20 Franken bescheiden; für uns ist aber jedes einzelne Mitglied sehr wichtig», betont Vereinspräsident Alex Frei. An den Kosten für die Restaurierungen beteiligen sich neben dem Verein Barockkirche auch die Landeskirche, Bund, Kanton und Gemeinde. «Unser Ziel, das umfassend restaurierte Barockjuwel am Fest der heiligen Idda 2006 einzuweihen, ist nach wie vor realistisch», so Josef Gemperle. Bereits abgeschlossen sind die Restaurationen an der Idda-Kapelle sowie im Aussenbereich.
Am Tag der offenen Baustelle die Barockkirche besichtigen
Die Bevölkerung ist eingeladen, sich am Sonntag, 28. August, ab 11 Uhr einen Gesamtüberblick über das barocke Fischingen zu machen. Nachdem sich im Vorjahr anlässlich des Tages der offenen Baustelle weit über 1000 Personen von verschiedenen Fachpersonen spannende Details erklären liessen, sind die Kloster- und Kirchentüren sowie die verschiedenen Baustellen am 28. August erneut für ein breites Publikum geöffnet. Das Angebot umfasst 15 verschiedene Führungen, auf denen es viele spannende Details hautnah zu erleben gibt. Während schwindelfreie Besucherinnen und Besucher auf Baugerüsten in luftiger Höhe Interessantes erfahren, sollen auch weniger Mutige umfassende Informationen rund um die Restaurationen und das klösterliche Leben bekommen. Wie schon im letzten Jahr werden auch spezielle Kinderführungen angeboten. Der Tag der offenen Baustelle beginnt mit einem Familiengottesdienst um 9.30 Uhr in der restaurierten Iddakapelle und wird mit einem Klavierkonzert in der Klosterbibliothek um 16 Uhr abgeschlossen. (mtb.)
|
|