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Thurgauer Zeitung vom Samstag, 30. März 2002
Von der Surselva nach Fischingen
Seit neun Jahren leitet Pater Leo als Prior das Kloster Fischingen - ein
Ort, wo das christliche Ostergeschehen vier Tage lang durchlitten und gefeiert
wird.
Es war 1993, als Pater Leo Müller, Benediktinermönch in Disentis,
zum ersten Mal nach Fischingen kam. Der zweitägige Besuch hatte einen
gewichtigen Hintergrund: Pater Leo sollte nämlich Prior des Klosters werden.
Dessen Leitung war seit ein paar Monaten verwaist, weil der Vorgänger
die Altersgrenze für innerkirchliche Ämter von 75 Jahren erreicht
hatte und zurückgetreten war.
Aber Pater Leo kannte das Kloster kaum und den Thurgau, abgesehen vom Bodensee,
überhaupt nicht. Deshalb hatte er seinem Abt zunächst eine Absage
erteilt. Pater Leo wollte nicht weg von Disentis, weg von der dortigen Gemeinschaft,
der er 30 Jahre lang angehört hatte, weg vom Gymnasium, an dem er Französisch
unterrichtete und das Internat leitete, weg von der klösterlichen Finanzverwaltung,
für die er ebenfalls verantwortlich war, weg von der grossartigen Alpenlandschaft
der Surselva. Erst bei der zweiten Anfrage begann er ernsthaft darüber
nachzudenken.
Der Empfang in Fischingen war überaus herzlich. Pater Leo vereinbarte
mit der Klostergemeinschaft eine dreijährige gegenseitige Probezeit. 1996
entschied sich der inzwischen 59-Jährige dann zum Bleiben. Seither leitet
er die Gemeinschaft der heute acht Mönche in religiösen wie in administrativen
Belangen. Zudem engagiert er sich in der Seelsorge im Hinterthurgau.
Ostern ist für eine Klostergemeinschaft wie Fischingen eine hohe Zeit.
In ihren Gottesdiensten begleiten die Mönche - und wer immer teilnehmen
möchte - in Gedanken Jesus auf seinem Leidensweg. Am Gründonnerstag
erinnert die Messe an das letzte Abendmahl, das Jesus mit seinen Jüngern
teilte. Danach schweigen die Kirchenglocken.
Am Karfreitagmorgen begleiten die Gottesdienstbesucher Jesus durch die 14 Kreuzweg-Stationen.
Der Hauptgottesdienst findet um 15 Uhr statt, im Sterbemoment, und stellt die
Leidensgeschichte nach dem Johannesevangelium in den Mittelpunkt. Dabei wird
ein Kreuz in die Kirche getragen und vorne zur Verehrung aufgestellt. Der Karfreitag
ist auch ein strenger Fasttag. Die Klostergemeinschaft begnügt sich mit
Suppe und Brot zum Nachtessen. Das eingesparte Geld spenden die Mönche
für gute Zwecke.
Der Karsamstag wird als stiller Tag begangen. Hauptgottesdienst ist die Osternachtfeier,
welche in Fischingen um 20.30 Uhr beginnt. Zunächst ist es in der Kirche
ganz dunkel, nur davor brennt ein Feuer. Im Lauf der Messe wird daran die Osterkerze
angezündet, welche als Lichtquelle für die Kerzen der Gottesdienstbesucher
dient. (Christus wird als das Licht der Welt gefeiert, das am Ostersonntag
auferstanden ist.)
Es folgt eine Eucharistiefeier, bei der neben Kerzenlicht und dem wieder einsetzenden
Glockengeläut Orgelklänge und Weihrauch für ein Fest für
alle Sinne sorgen. Danach treffen sich die Fischinger Mönche in aufgeräumter
Stimmung im Speisesaal, tütschen Ostereier und trinken ein gutes Glas
Wein. Der feierliche Ostergottesdienst beginnt am Sonntagmorgen um 9.30 Uhr.
Dann kehrt im Kloster langsam der liturgische Alltag wieder ein, der vier Andachten
umfasst: um 5.30 Uhr die Matutin, um 11.45 Uhr die Mittagshore, um 17.45 Uhr
die Vesper und um 19.30 Uhr die Komplet. "Ora et labora" (bete und
arbeite), heisst die Ordensregel der Benediktiner.
Es ist üblich, dass der Prior die Gottesdienste leitet. In Fischingen
teilt sich Pater Leo die Aufgabe mit dem Gemeindepfarrer, Pater Meinrad, weil
das Kloster auch die Kirchgemeinde Fischingen betreut. Pater Meinrad stand
gestern Karfreitag am Altar. Das Messgewand war blutrot, nicht schwarz, wie
es vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil Brauch war. Die Ostergottesdienste
übernimmt der Prior, dann in Messgewänder in festlichem Weiss gekleidet.
Leo Müller ist in Oberurnen im Glarnerland aufgewachsen. Er ging bei der
damaligen Volksbank in Glarus in die Lehre und arbeitete ein paar Jahre als
Bankangestellter, bevor er eine Laufbahn als Theologe ins Auge fasste. Dafür
musste er zunächst die Matur nachholen. Mit 26 Jahren trat er als Novize
ins Kloster Disentis ein. Nach einem Jahr legte er die einfachen Gelübde
ab und begann, in Einsiedeln Theologie zu studieren. Drei Jahre später
folgte die feierliche Profess, die Verpflichtung fürs Leben, und nach
fünf Jahren Studium die Priesterweihe. Die Qualifikation zum Gymnasiallehrer
schliesslich holte sich Pater Leo an der Sorbonne in Paris.
Wenn schon ein Leben als Geistlicher, fand Leo Müller, dann sollte es
eines in Gemeinschaft sein. Ein Priester in einer Pfarrei führe doch oft
ein einsames Leben. Auch der Zölibat sei in einer Gemeinschaft leichter
zu ertragen. Den Benediktinerorden hat er gewählt, weil ihn das gemeinsame
Chorgebet und die feierliche Liturgie faszinierten. Und nach Disentis ging
er, weil es dort eine Schule gab.
Warum ist Pater Leo schliesslich doch Prior in Fischingen geworden? Die Pflicht,
den ergangenen Ruf anzunehmen, spielte eine Rolle. Er sah, dass er gebraucht
wurde, und bekam die Möglichkeit, als Seelsorger zu arbeiten. Und: "Das
klösterliche Leben lässt sich hier besser leben als in Disentis."
Es ist ruhig in Fischingen.
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Anna E. Guhl |